Der entscheidende Stich

In den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gelang dem südafrikanischen Virologen Max Theiler der lang ersehnte Durchbruch – er entwickelte den lebensrettenden Gelbfieberimpfstoff. Für Ausländer, die nach Sierra Leone reisen möchten, ist diese Impfung Pflicht, andernfalls wird ihnen die Einreise verweigert. Im Zuge unserer Reisevorbereitung waren Marion und ich in dieser Woche im „Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin“ (BNITM) in Hamburg und haben uns den entscheidenden Stich verpassen lassen. Doch mit dem einen ist es nicht getan: Auf dem Impfplan stehen ebenfalls Cholera, Typhus, Meningokokken-Meningitis, Hepatitis A + B sowie Tollwut. Alles in allem kostet uns dieser „Impfmarathon“ rund 600 Euro – pro Person. Die Krankenkasse übernimmt nur einen Bruchteil davon. (Gegen Malaria gibt es keine Impfung, die sogenannte „Chemo-Prophylaxe“ beginnt mit der täglichen Tabletteneinnahme am Tag vor unserem Abflug.)

Wie wichtig die Impfungen sind, macht eine Zahl deutlich: noch immer sterben etwa 30.000 Menschen pro Jahr an Gelbfieber, die meisten von ihnen in Afrika. Kein Wunder: bei einer Ansteckung hilft meist nur noch beten, eine Therapie ist bis heute nicht bekannt. Die Weltgesundheitsorganisation WHO zählt das Geldfieber seit den 1980er Jahren aufgrund steigender Fallzahlen zu den „reemerging diseases“ auf dem Kontinent. Natürlich würden Impfungen dort helfen, doch wie soll sich ein Sierra Leoner die leisten können? 70 Prozent der Bevölkerung müssen mit weniger als einem US-Dollar pro Tag auskommen. Hinzu kommt die allgemeine medizinische Versorgungslage im Land: 2010 kamen auf 1.000 Einwohner 0,002 Ärzte. Pro 10.000 Einwohner gab es nur vier Krankenhausbetten. Die Lebenserwartung liegt bei rund 51 Jahren und damit deutlich unter der in den Nachbarländern.

Für unsere dreiwöchige Recherchereise nach Westafrika bedeutet das neben den Impfungen, eine gut sortierte Reiseapotheke vorzubereiten. Dazu werden auch eigene Spritzen und Kanülen gehören sowie eine Menge an Medikamenten, die nicht gekühlt werden müssen. Vom kiloschweren Vorrat an Mückenschutzmittel ganz zu schweigen. Sollte dennoch etwas passieren, werden wir schnellstmöglich zurück in die Hauptstadt Freetown fahren müssen, obwohl auch dort nicht von einer ernstzunehmenden medizinischen Versorgung die Rede sein kann – „for anything serious you’ll have to go home“ lautet die ernüchternde Ansage der Experten, „no good options – just try not to get sick.“

Das scheint allerdings gar nicht so einfach zu sein: Marion hat mittlerweile eine Menge Insekten ausgemacht, die ihre Eier zum Beispiel gern unter menschlicher Haut ablegen … die Horrorvideos aus Jugendzeiten lassen grüßen. Hoffen läßt dagegen diese Aussage aus einem der wenigen aktuellen „Reiseführer“ für Sierra Leone: „Snakes rarely attack unless provoked, and bites in travellers are unusual.“ Fakt ist: es leben rund sieben Millionen Menschen in Sierra Leone – und sie leben! Natürlich haben wir noch tausend Fragen, aber die werden sich in den kommenden Wochen beantworten, spätestens vor Ort.

An dieser Stelle sei nur eine Anekdote vom Balkan erzählt, auch wenn weder geographische Daten noch Eckpunkte 1:1 vergleichbar sind: Als ich noch vor Beginn des „Kosovo-Krieges“ für einen deutschen Fernsehsender als Reporter nach Mazedonien geflogen bin, kam ich ohne irgendwelche Informationen in Skopje an. Zusammen mit einem Kollegen der „Süddeutschen Zeitung“ suchten und fanden wir das Hotel, in dem (fast) alle westlichen Journalisten abgestiegen waren, ebenso wie die NGOs und die Militärs (nur CNN und die EBU waren woanders untergebracht, kamen aber allabendlich aus o.g. Gründen zu uns). Als zwei Wochen später mein Satellitentechniker aus München nachkam, begleiteten ihn zahllose gute Ratschläge und nach seiner Ankunft unzählige Fragen, was er benötige – „Sollen wir Dir T-Shirts schicken?“ war für mich die Offenbarung. Denn unsere Antwort lautete: „Danke, es geht uns gut. Wir gehen jeden Abend für wenig Geld im Vier-Sterne-Restaurant ‚Black Pearls‘ essen, das Frühstücksbuffet im ‚Continental‘ ist umwerfend, und die allgemeine Versorgungslage vollkommen ausreichend.“

Nächste Woche geht es wieder nach Hamburg zum BNITM, ein Pik reicht eben nicht. Und das Geld soll ja auch seine Wirkung entfalten. Es scheint, als hänge Überleben und Geld unmittelbar zusammen …

Text: Lars Bessel / Zeichnung: Marion von Oppeln