Der Traum von Afrika

Im aktuellen „Human Development Index“ der „Vereinten Nationen“ belegt Sierra Leone Platz 179, bei 188 hört die Liste auf. Das Land in Westafrika gehört mit seinen rund sieben Millionen Einwohnern somit zu den unterentwickeltsten Staaten der Welt. Und genau dorthin reise ich … in genau drei Monaten! Sierra Leone ist etwa so groß wie Bayern, allerdings um ein Drittel dünner besiedelt, ist noch immer vom bis 2002 andauernden Bürgerkrieg gezeichnet, „but represents one of the world’s most successful cases of post-conflict recovery, peacekeeping and peacebuilding“, so UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon anno 2010 in der Hauptstadt Freetown.

Seit etwa 35 Jahren möchte ich nach Afrika – nun wird dieser Traum endlich wahr! Nach Afrika zu reisen, sollte niemals bedeuten, mich in einer „Hotel-Festung“ in Tunesien oder Ägypten zu „verschanzen“ und Afrika in Touristenbussen zu erleben – wenn ich nach Afrika reise, dann, um Land und Leute tatsächlich kennenzulernen. Selbstverständlich reise ich als Journalist nicht ohne Notizbuch und Kamera, denn natürlich werde ich über diese Reise berichten … Und ich reise nicht allein: begleiten wird mich Illustratorin Marion von Oppeln mit Zeichenblock und Aquarellkasten, von der auch die Zeichnung zu diesem ersten Text stammt.

Warum ausgerechnet Sierra Leone?“, haben mich Familie und Freunde in den vergangenen Wochen mehrfach gefragt, die Antwort ist vielschichtig und vor allem journalistischer Natur. Marion und ich haben lange überlegt, welches Ziel wir mit dieser Reise verfolgen: Schnell war klar, wir wollten nicht (wieder) als Kriegsberichterstatter unterwegs sein, wollten auch nicht jene Bilder von verhungernden Kindern reproduzieren, die offenbar im satten Europa sowieso keinen mehr interessieren, wir wollen – im wahrsten Wortsinn – ein anderes Bild von Afrika zeichnen. Die Überschrift dieses Textes ist deshalb mindestens zweideutig …

Nachdem diese ersten grundlegenden Entscheidungen getroffen waren, fiel die Wahl Sierra Leones nicht mehr sonderlich schwer. Wir reisen in ein afrikanisches Land, das zu den ärmsten auf dem Kontinent zählt und trotzdem relativ sicher ist, das eine vielfältig-leidvolle aber auch stolze Geschichte hat, das reich an Fauna und Flora ebenso ist wie an Bodenschätzen, in ein Land, dass tatsächlich eine Perspektive hat. Und genau darüber wollen wir berichten: über stolze Sierra Leonerinnen und Sierra Leoner, die sich ihrem Schicksal stellen und davon erzählen, die ihre Armut mit Würde tragen und das Ziel eines besseren Lebens für ihre Kinder nicht aus den Augen verloren haben. Sozialromantik? Vielleicht. Mehr wissen wir nach unserer Rückkehr …

Da das 500. Reformationsjubiläum in unsere Reisezeit fällt, werde ich versuchen, auch aktuell aus Sierra Leone für das deutsche Fernsehen zu berichten – immerhin sind knapp ein Viertel der Bevölkerung Christen, die meisten von ihnen Protestanten. Neben weiteren Zeitungsartikeln geht es Illustratorin und Redakteur jedoch in erster Linie um ein Buchprojekt mit einer Mischung aus Zeichnungen und Texten. Bislang lautete der interne Arbeitstitel dafür „Die Würde Afrikas“, aber zum Schluss dieser Zeilen glaube ich, einen treffenderen gefunden zu haben: „Der Traum von Afrika – Teil 1: Sierra Leone“. Fortsetzung folgt!

Text: Lars Bessel / Zeichnung: Marion von Oppeln