Über 1.000 Tote – und keinen interessiert es

Acht vermisste Wanderer nach einem Bergrutsch in der Schweiz, ein halbes Dutzend Tote nach einem Wirbelsturm in China, zwei Dutzend Tote nach einem Starkregen in den USA. Über alles wurde in den vergangenen Tagen im deutschen Fernsehen berichtet. Wovon wir nichts erfahren haben, sind über 1.000 Tote in Sierra Leones Hauptstadt Freetown nach einer Schlammlawine. Es ist schon eine erstaunliche Ignoranz, mit der wir Europäer Afrika begegnen. Die Gründe sind sicherlich vielschichtig, haben aber wohl vor allem damit zu tun, dass uns unser Nachbarkontinent so vollkommen fremd ist. Auch das wollen wir mit unserer Reise nach Sierra Leone ändern.

Ihr seid echt ’n bißchen irre!“, kommentierte unlängst eine Freundin einen Facebook-Post von mir. Der zeigte mein neues Schuhwerk für Sierra Leone: die „Haix Desert P9“ der Bundeswehr aus Afghanistan. Meine Antwort lautete: „Danke. Kontrolliert irre“. Sich ausgerechnet eines der unterentwickelsten Länder der Erde als Reiseziel auszusuchen, ist vielleicht schon etwas verrückt, und bedarf eben deshalb auch einiger Vorkehrungen – sei es bei der Bekleidung, der Ausrüstung, der medizinischen Vorsorge. Die größte Schwierigkeit ist jedoch die Unwissenheit: Es gibt weltweit nur einen einzigen englischsprachigen Reiseführer für Sierra Leone, an dem wir uns nun orientieren.

Die erlesenen Erkenntnisse sind durchaus aufschlussreich: Da wir Mitte Oktober am Ende der Regenzeit ankommen werden, dürften viele Straßen im Landesinneren eher Schlammpisten ähneln. Als Transportmittel kommen eigentlich nur Taxen und Überlandbusse in Frage, Leihwagen sind unbezahlbar – abgesehen davon, dass selbst ich mir das Fahren im Outback nicht wirklich zutraue. Geld in 50-US-$-Scheinen werden wir ausreichend mitnehmen müssen, um diese vor Ort zu tauschen – Geldtomaten gibt es jedenfalls kaum, funktionierende noch weniger. Leone, also die heimische Währung mitzunehmen, würde aufgrund des Wechselkurses von 1:7.500 einen extra Geldkoffer bedeuten. Es dürften wohl die „kleinen Dinge des alltäglichen Lebens“ sein, die uns vor echte Herausforderungen stellen werden. Bestes Beispiel: woher bekomme ich eine Straßenkarte? Aus Kanada! Kein Scherz, nur dort gibt es einen Verlag, der eine mehr oder weniger korrekte Landkarte von Sierra Leone im Angebot haben soll.

Ein Abenteuer“, wie ein Kollege heute meinte – und er hat recht. Wir werden im besten Fall Elefanten sehen, ebenso wie Raubkatzen, (sonst ausgestorbene) Mini-Nilpferde sowie Affen, von all den exotischen Vögeln ganz zu schweigen. Sierra Leone ist ein auf kleiner Fläche so abwechslungsreiches Land, in dem zwischen Savanne und tropischem Regenwald gerade einmal 300 Kilometer liegen, nicht größer ist die Distanz zwischen Goldminen und Traumstrand. Natürlich gibt es unendlich viele Mücken, die unendlich viele Krankheiten übertragen können, der Straßenverkehr ist tödlich, das Land unterentwickelt, eine medizinische Versorgung quasi nicht vorhanden, ebenso wie eine Verkehrs-Infrastruktur, die diesen Namen verdient hätte. Und doch gibt es keinen Grund an den Worten von Cecil Williams, dem Chef des „National Tourist Board“ zu zweifeln: „Sierra Leone is a destination that is safe.“

Etwas „Bammel“ haben Marion von Oppeln und ich trotzdem. Was vor Monaten einfach nur „cool“ war, wird jetzt spürbar real. Die Schlangenbiss-resistenten Stiefel sind gekauft und werden eingelaufen, die Tropen-Klamotten zumindest ausgesucht, ebenso wie das imprägnierte Moskito-Netz. In Vorbereitung auf 30 Grad Celsius und 75 Prozent Luftfeuchtigkeit ist außerdem zusätzliches Fitnesstraining angesagt. Gegen die eingangs erwähnte europäische Ignoranz hilft nun einmal nur eines: nicht über Afrika reden, sondern hinfahren. Wir freuen uns auf Sierra Leone – see you on 18th of october!

Text: Lars Bessel / Zeichnung: Marion von Oppeln