„Tanz auf dem Vulkan“

Catania / Nîmes / Stockholm / Warna. Das erste, was wir beim Landeanflug auf das sizilianische Catania aus dem Flieger zu sehen bekommen, ist ein riesiger Werbepylon mit der Aufschrift „IKEA“. Und bei unserer ersten Rast in einer Panelleria an der Straße nach Siracusa gibt es Wasser, abgefüllt von Nestlé. Das vereinigte Europa der Großkonzerne, nicht nur der schwedischen und schweizerischen, funktioniert augenscheinlich. Doch wie denken die „ganz normalen“ Menschen über ihren Kontinent, über die „Europäische Union“, den Euro? Die jungen Italiener, die mit uns in Hamburg eincheckten, genossen jedenfalls sichtlich ihre Reisefreiheit, Schlagbäume und Zöllner haben sie nie kennengelernt.

Warum es die jungen Leute nach Norden zog, fällt jedem sofort ins Auge, der den Flughafen von Catania über Nebenstraßen hinter sich läßt: links und rechts jede Menge verfallene Häuser, verlassene Orangen- und Olivenplantagen – Sizilien ist arm. Die Arbeitslosenquote liegt bei deutlich über 20 Prozent, nahezu doppelt so hoch wie im italienischen Durchschnitt. In der Provinz Agrigento ist es sogar noch schlimmer, nicht einmal jeder vierte findet hier noch einen Job.

Genau dorthin fahren wir. Vom UNESCO-Weltkulturerbe Siracusa aus nehmen wir zunächst die Autobahn, die bis Gela ausgeschildert ist, allerdings unvermittelt in Rosolini endet. Bis Gela sind es aber noch etwa 100 Kilometer, doch für den Weiterbau der A18 fehlt offenbar das Geld. Die Idee einer Maut hat man verworfen, nachdem die Mautstelle fertiggebaut war. Dort wo kassiert werden sollte, sprießt heute Löwenzahl aus dem Asphalt. Von jetzt an geht es für uns durchs Landesinnere, Felder so weit das Auge reicht, doch die meisten so kleinteilig, dass sich eine Bewirtschaftung nicht lohnt, viele Flächen liegen brach. Womöglich ist das das Ergebnis einer falsch verstanden Erbfolge, die jedem Kind seine „eigene Scholle“ bescherte, von der jedoch niemand mehr leben kann.

In Licata ist die Mafia zuhause“, sagen die Sizilianer, „nicht in Palermo.“ Kein Wunder, sagen wir, Licata ist eine Mischung aus Hamburg-Steilshoop, Berlin-Neukölln und Köln-Chorweiler, mit dem Unterschied, das die Armen hier über einen Mittelmeerstrand verfügen. Unseren Espresso trinken wir in einer Bar, vor der ein tiefergelegter weißer Mercedes steht, mit Schweizer Kennzeichen, der Fahrer ist jedoch unübersehbar Italiener. Ob er tatsächlich ein Mafioso ist, fragen wir ihn besser nicht. Schon vor zwei Jahren schrieb der Schriftsteller und weltweit bekannte Mafia-Experte Roberto Saviano: „Sogar die Mafia macht sich davon“, weil es hier „nichts mehr zu melken“ gäbe.

Agrigento hat rund 60.000 Einwohner, Tendenz sinkend. Der erste Eindruck ist jedoch kein italienischer, sondern ein griechischer: Vor der Stadt liegt das sogenannte „Tal der Tempel“, das genau genommen ein Hochplateau ist. Hier befinden sich die Reste der antiken Stadt Akragas, seit 1997 ebenfalls UNESCO-Weltkulturerbe. Zu den Bauwerken an der Hangkante zählen vor allem die Tempel der Hera und des Herakles sowie der bis auf das Dach vollständig erhaltene Concordiatempel. Nur wenige Kilometer weiter liegt unsere Unterkunft in direkter Nachbarschaft zur berühmten „Scala dei Turchi“, dem „weißen Türken“. Gaetano und Gabriella beherbergen neben uns auch noch zwei Österreicher. Alexander und Maximilian sind begeistert von der Insel, und fügen zweideutig hinzu,„wir können ja nicht davon ausgehen, dass Europa überall so aussieht, wie bei uns zuhause“.

Vieles ist aber überall in Europa gleich: Wenn du etwas wissen willst, gehst du zum Friseur. Michele Scopelliti ist 78 Jahre alt und schneidet nach eigener Aussage seit 72 Jahren anderen Leuten die Haare. An Aufhören will und kann er nicht denken, seine Rente würde nicht reichen. Seine Söhne hat er deshalb zum Geldverdienen nach Norden geschickt, den einen nach Mailand, den anderen gar nach Dublin. Dass das so einfach ist, verdanke er Europa, sagt Michele, „wir sind eine Familie, in Europa sind alle gleich, und zusammen sind wir viel stärker“. Hinzu käme die gemeinsame Währung, die zusätzlich vieles einfacher mache. Was er von den Euroskeptikern halte, wollen wir wissen: „Die kann man doch gar nicht ernst nehmen, die sind nicht ganz dicht!“

Auf den Trockenhaarschnitt folgt die Nassrasur und zwangsläufig das alles bestimmende Thema dieser Zeit – nach Fussball: die Flüchtlinge. Nicht dass so viele Menschen aus Afrika mit ihren see-untüchtigen Booten im 200 Kilometer entfernten Lampedusa anlanden, macht dem alten Mann Sorgen, sondern wer die Kosten dafür zu tragen hat. „Auf denen bleiben wir hier im Süden sitzen“, sagt er. Die EU-Gelder aus Brüssel würden nach Rom überwiesen und dort auf die Regionen aufgeteilt. Somit könnten in Turin Brücken gebaut und in Neapel Museen renoviert werden, „die müssen nämlich keine Flüchtlingscamps bezahlen“. Auf Sizilien und Lampedusa dagegen werde nahezu die gesamte EU-Förderung in die Betreuung der Migranten gesteckt, da bleibe kaum Geld für etwas anderes. Das Problem sei keine „unfaire EU, sondern unsere italienische Regierung in Rom“.

In welcher finanziellen Situation sich die Sizilianer befinden, wird beim Bezahlen besonders deutlich: Haarschnitt und Rasur kosten – mit Trinkgeld – zehn Euro.

Im „Café Nobel“ (über deren sanitäre Anlagen an dieser Stelle kein Wort verloren wird) treffen wir Sonia di Stefano, sie ist 29 Jahre alt und hat im vergangenen Jahr als Flüchtlingsbetreuerin gearbeitet, jetzt ist sie arbeitslos – nicht, weil keine Flüchtlinge mehr kommen, sondern weil die Gemeinde kein Geld mehr hat. Ihr Freund ist Rechtsanwalt, findet aber keine Anstellung, und vertreibt sich seine Zeit mit unbezahlten Praktika. Beide wohnen noch zuhause, für eine eigene Wohnung reicht das Geld nicht, für die seit längerem geplante Hochzeit schon gar nicht. Sonia ist die beste Freundin von Concetta Gazzitano aus Raffadali, einem Örtchen nördlich von Agrigento. Ihretwegen sind wir eigentlich nach Sizilien geflogen – Concetta heiratet Nicolò Foti aus Palermo.

Kennengelernt hat sich das Brautpaar an der Universität, sie wurde Krankenschwester, er medizinisch-technischer Radiologieassistent. Gern wären beide auf Sizilien geblieben, doch auch sie fanden keine Jobs in der Heimat. Vor zwei Jahren dann das große Wagnis „Deutschland“, nach einer Zwischenstation in Mannheim leben und arbeiten beide inzwischen nördlich von Hamburg in Itzehoe. Eines stand jedoch immer fest: geheiratet wird nur auf Sizilien. Nach der kirchlichen Trauung in Raffadali geht es zur Feier Richtung Norden, nach Caltanisetta. Und auf diesem Weg passiert es, wir sehen erstmals ein großes Schild, auf dem darauf hin gewiesen wird, hier investiere die „Europäische Union“ in die Zukunft: ein Autobahnabschnitt wird neu gebaut. Immerhin.

Die große Feier mit 220 geladenen Gästen findet im „Tiffany“ statt, eine Nobel-Location unweit des örtlichen Flüchtlingscamps: komplett eingezäunt, hohe Palmen, weißer Mamor, Live-Cooking, Live-Band, Feuerwerk, komplett durchgestylt. Erstaunlich für hanseatische Deutsche: statt rauschender italienischer Ballnacht ist zwischen neun und zwei Uhr quasi „nur“ essen angesagt, Appetizer draußen, Hauptgänge drinnen, Nachtisch wieder draußen.

Noch immer stellen wir uns angesichts von „Brexit“ und dem Erstarken faschistischer wie nationalistischer Parteien die Frage nach dem „Pulsschlag Europas“. Unter genau diesem Motto gründete sich 2016 in Frankfurt a.M. die pro-europäische Bewegung „Pulse of Europe“ und demonstriert seitdem quer über den Kontinent für Europa. Der Zulauf ist beachtlich und passt zu einer Umfrage der „Bertelsmann Stiftung“ vom Oktober 2015 – danach steht „eine Mehrheit der EU-Bürger […] hinter EU und Euro und wünscht sich gar eine stärkere politische und wirtschaftliche Integration. Die derzeitige Politik der Gemeinschaft sieht sie allerdings kritisch.“

In Palermo angekommen, läßt sich das durchaus verifizieren. Im „Cuba Libre“ treffen wir beim „Tanz auf dem Vulkan“ Laura Menis aus Cagliari / Sardinien. Vor fünf Jahren verschlug es die 29jährige der Liebe wegen auf die Nachbarinsel, inzwischen ist sie wieder Single. Einen Job zu finden, war für die Fitnesstrainerin kein Problem, „das war ein Telefonat“. Heute verdient sie 1.300 Euro im Monat, die Wohnung kostet sie 450 Euro. „Zum leben ist das okay.“ Das wichtigste für sie an der „Europäischen Union“ ist das grenzenlose Reisen, „auch wenn ich dafür im Moment weder Zeit noch Geld habe“. Ansonsten stelle sie immer wieder fest, wie entfernt die Europäer doch immer noch voneinander seien, nicht nur räumlich. „Wir müßten uns viel näher sein, viel mehr eine echte Union. Das macht uns alle viel stärker, in der Wirtschaft wie im Kampf gegen den Terrorismus.“ Das größte Problem sieht sie in den Sprachbarrieren, „da muss schon in der Schule viel mehr passieren“. Das beste Beispiel seien ihre Landsleute, von denen kaum einer ernsthaft englisch sprechen könne. „Aber uns unterhalten zu können ist der einzige Weg, zu den ‚Vereinigten Staaten von Europa‘ zu kommen.“

Drei Monate tanzt Laura mittlerweile Tango, Tatjana Yakovleva immerhin schon doppelt so lange. Die 36jährige stammt gebürtig aus „Königsberg“, der heutigen russischen Enklave Kaliningrad. Seit zwölf Jahren lebt sie in Palermo, nachdem sie den italienischen Mann ihres Kindes als Hostess auf einem Kreuzfahrtschiff kennen gelernt hatte. Tatjana würde heute viel lieber in Russland leben, als in Italien, aber sie dürfte ihre Tochter nicht mitnehmen. Deshalb arbeitet sie als Masseurin auf Sizilien und fliegt zwei Mal im Jahr in die kalte Heimat. „Die EU ist mir egal.“ Pause. „Obwohl, für meine Tochter ist das wirklich entscheidend, die Reisefreiheit, die gemeinsame Währung, einfach dazu zu gehören.“

Auf dem Weg zum Flughafen halten wir noch bei „Brace & Co.“ an, essen ein traditionelles „panino con milza“ (ist tatsächlich das, was man vermutet), und unterhalten uns mit dem 27jährigen „Straßenkoch“ Christian, der zwei Kinder hat. Er ist ein bekennender Fan der faschistischen „Lega Nord“ (auch wenn die wenig an den Süden des eigenen Landes denkt), von Le Pen und Putin. „Natürlich kenne ich Merkel, aber die ist nur gut für Deutschland, nicht für Europa.“ Das größte Problem für ihn sind die Flüchtlinge, beim Laden nebenan habe auch schon ein Farbiger einem Italiener den Job als Straßenfeger weggenommen. „Wir haben schon genug Probleme, und die da machen es noch schlimmer!“

Migranten sind auch Concetta und Nicolò Foti. Das frisch vermählte Brautpaar flog am Tag nach der Hochzeit von Palermo über Rom in die USA und nach Mexico. Vier Wochen später sind sie zurück im norddeutschen Itzehoe. „Ich habe zwei Jahre lang versucht, auf Sizilien Arbeit zu finden, aber außer ein paar schlecht bezahlten Aushilfsjobs nichts gefunden“, sagt Nicolò. Deutschland dagegen suche händeringend nach medizinischem Fachpersonal. Der Start in der neuen Heimat war dennoch schwierig: abgesehen von den Sprachproblemen, galt es eine Wohnung zu finden, Verträge abzuschließen, ein Girokonto einzurichten. „Die Bürokratie hier ist unglaublich.“ Aber es habe immer Menschen gegeben, die ihnen geholfen hätten, Italiener wie Deutsche.

Die Rettung der beiden war letztendlich eine europaweit tätige Seniorenhaus-Kette, die ausdrücklich ausländisches Fachpersonal für Deutschland suchte – die bot nicht nur einen Job samt Bezahlung, sondern auch parallele Deutschkurse an. Concetta unterschrieb. Nicolò ging zur Volkshochschule, lernte weiter Deutsch, jobbte als Kellner im italienischen Restaurant (dort kam der anfangs kaum verständliche Akzent noch am besten an) und suchte nach Praktikumsplätzen als radiologischer Assistent. „Ich hatte oft Angst“, gesteht der 29jährige, „heute habe ich keine Angst mehr“.

Das Arbeitsamt bezahlte seinen entscheidenden Sprachkurs zum Niveau „B2“, das örtliche Klinikum will ihn fest anstellen. Was der großgewachsene Italiener nicht versteht, ist, warum ein Deutscher in Italien sofort arbeiten könne, er aber nicht genauso in Deutschland. „Ich dachte, dass wäre europäisches Recht, das überall Ausbildungsabschlüsse gleich anerkannt werden.“ Am Anfang war der Frust deshalb groß, aber inzwischen sei er mit seiner Frau sehr zufrieden in Deutschland. Nach der Hochzeitsreise in die USA ist sich Nicolò Foti gleichwohl sicher: es fehlt in der EU an Einigkeit. „Wer in L.A. studiert hat, kann auch in N.Y. arbeiten, wieso gilt das nicht für jemanden, der in Palermo studiert hat und in Itzehoe arbeiten will?“

Nach wie vor ist die Sprache das größte Problem, Concetta kann aufgrund ihrer osteuropäischen Kolleginnen mittlerweile besser auf russisch fluchen, als auf italienisch, geschweige denn auf deutsch. Eine Alternative zur Auswanderung sieht Nicolò allerdings bis heute nicht – die Zukunftsperspektiven auf Sizilien sind schlicht duster, „erst recht für unsere Kinder, die wir haben möchten“. Auf Nachfrage will der zukünftige Papa eine Rückkehr jedoch nicht ganz ausschließen: „Wir fühlen uns in Deutschland sehr wohl, aber zuhause ist zuhause – und das ist auf Sizilien.“

Unsere nächste Station auf der Suche nach dem „Pulsschlag Europas“ liegt etwa 1.000 Kilometer Luftlinie nordwestlich von Sizilien: ein Landgut unweit der südfranzösischen Kleinstadt Sommières in der Nähe von Nîmes. Marion von Oppeln ist nicht nur Zeichnerin, sondern auch eine begeisterte Tänzerin, und nimmt dort an einem internationalen Tango-Kurs teil. Diesmal geht es mit der Eisenbahn auf die Reise, geplante 17 Stunden – zuerst mit dem deutschen ICE, ab Strasbourg mit dem französischen TGV „Méditerranée“. Doch bereits nach wenigen Kilometern steht der Zug, bei Lüneburg befinden sich Menschen auf den Gleisen, nach einer Stunde Wartezeit auf offener Strecke sind sämtliche Anschlusszüge nicht mehr zu erreichen. Doch während die sporadischen Lautsprecheransagen des Zugbegleiters auf englisch noch immer unbeholfen provinziell klingen, ist dessen Krisenmanagement auf französisch unschlagbar – quasi im Handumdrehen bucht er ein Ersatzhotel in Lyon. Und seine dortigen Kollegen sind ebenso engagiert: ohne Diskussion werden die TGV-Tickets mit Zugbindung auf den kommenden Tag umgeschrieben. Die dazugehörige Unterhaltung führen wir zwar auf französisch, was uns große Sympathien einbringt, aber im Zug wird tags darauf sehr schnell deutlich – auch das komplette französische Zugpersonal spricht fließend deutsch.

Durch das Rhonetal erreichen wir schließlich Nîmes, im sechsten Jahrhundert vor Christus von den Kelten gegründet und 120 v. Chr. von den Römern eingenommen, das unter anderem Städtepartnerschaften mit Frankfurt a.M., Braunschweig, Córdoba und Verona pflegt. Was uns als erstes auffällt ist tatsächlich die Sauberkeit, selten haben wir in Südeuropa eine so „aufgeräumte“ Stadt gesehen. Für die Arena, die sehr viel Ähnlichkeit mit dem Kolosseum in Rom hat, und die „Pont du Gard“ als einem der bedeutendsten antiken Bauwerke Südfrankreichs, bleibt aufgrund der Anreiseschwierigkeiten jedoch wenig Zeit. Eine halbe Stunde Miet-Autofahrt entfernt warten die Tango-Lehrer Melina Sedo und Detlef Engel zusammen mit Kurs-Teilnehmern aus Belgien, der Schweiz, England und Frankreich.

Das Lehrerpaar aus Saarbrücken spricht neben deutsch, fließend englisch, französisch, italienisch und spanisch. Die Unterrichtssprache bleibt jedoch englisch. Bei Außentemperaturen von deutlich über 30 Grad im Schatten werden die Tanzstunden zur „Knochenarbeit“, was Interviews mit den Teilnehmern nur in den frühen Morgenstunden am Pool ermöglicht. Einer von ihnen ist Jacky Lardy aus Toulouse. Wenn der 57jährige Franzose nicht mit seiner zweiten Ehefrau Tango tanzt, unterrichtet der Universitätsprofessor angehende Sportlehrer.

Für mich bedeutet Europa Sicherheit“, ist sein erster Satz, nach einer längeren Gedankenpause. Gerade Deutsche und Franzosen hätten sich über Jahrhunderte gegenseitig umgebracht, die Erde drüben wie hüben sei mit Blut getränkt, aber heute sei die Achse Berlin – Paris die wichtigste in der „Europäischen Union“. „Europa sichert uns seit über 70 Jahren Frieden.“ Hinzu komme die gemeinsame Geschichte, vieles sei, wie hier in Nîmes, römischen, germanischen oder gar griechischen Ursprungs, „unsere gemeinsame Geschichte ist hier überall sichtbar“. Dazu komme, dass die EU mit dem Euro und dem „Schengen-Abkommen“ auch das tägliche Leben erleichtert habe – kein Devisenumtausch mehr, keine Grenzkontrollen.

Jacky überlegt lange, bevor er antwortet, ist im Formulieren ein ähnlicher Pedant wie beim Tanzen. Was Europa ihm persönlich gebracht hat? „Erasmus und Pisa“, die (hoch-) schulischen Austausch- und Vergleichsprogramme, „dadurch können wir von anderen europäischen Staaten lernen und unser eigenes Bildungssystem optimieren“. Sein Wunsch ist ein deutlich stärkeres Europa, vor allem wirtschaftlich: „Der Ursprung aller europäischen Kriege war immer ein wirtschaftlicher.“ Deshalb sei heute eine Finanz- und Wirtschaftsgemeinschaft „unbezahlbar“, vor allem mit Blick auf die Konkurrenz aus den USA und China. Die dafür offensichtlich notwendige Bürokratie bezahlt Jacky gern, „ich zahle lieber für ein Heer von EU-Beamten, als für Armeen junger Männer, die wir einst sinnlos in Stellungskriegen verheizt haben“.

Nach dem Interview stehen eineinhalb Stunden Tanzkurs auf dem Program, umziehen, danach Mittagessen, weitere drei Stunden Tanzkurs, umziehen, und abends eine sogenannte „Milonga“ in Nîmes. An diesem Abend spielt eine Tango-Band namens „Orquesta Típica Tangarte“ auf – aus dem schwedischen Malmö. Tanz und Musik sind international, bedürfen keiner Sprache.

Verantwortlich dafür, dass alle Teilnehmer des Tango-Kurses auch auf ihr leibliches Wohl achten, ist Marika Bonen. Die 39jährige Köchin kommt ebenfalls aus Toulouse. „Die EU ist eine wirtschaftliche Einheit, natürlich, und das schon lange, schon als sie noch EWG hieß – aber nicht kulturell, da ist Europa vielfältiger.“ Sie selbst fühle sich nicht als Europäerin, eher als Französin, wenn nicht gar als Toulousienne. Gleichwohl hat sie im vergangenen Jahr sechs Monate als Köchin in Schweden gearbeitet, „das war sehr einfach, aber persönliche Vorteile von Europa habe ich keine“. Manchmal scheint Europa schon allzu selbstverständlich zu sein … denn Marika schaut sich schon nach Job-Angeboten für das kommende Jahr um – im europäischen Ausland.

Nach fünf Tagen, zahlreichen Tanzschritten und vielen neuen europäischen Bekanntschaften geht es zurück nach Hamburg, diesmal ohne Behinderungen. Trotz mehrfacher Umstiege in Frankreich und Deutschland ist der Zug fast auf die Minute pünktlich in Altona. Nun heißt es Wäsche waschen und das Auto volltanken – die nächste europäische „Puls-Messstation“ trägt den Namen Täby und ist ein Örtchen knapp 20 Kilometer nördlich von Stockholm, wo wir mit Freunden typisch schwedischen „Midsommar“ feiern wollen. Marika Bonen hat es gesagt: Europa ist ein Kontinent der Regionen – und der Traditionen.

Die Freizügigkeit ohne EU-Binnengrenzen, die 1985 im „Schengen-Abkommen“ vereinbart worden ist, kommt kommt derweil zusehends unter die Räder. Immer mehr nationalistische Tendenzen bescheren den Schlagbäumen eine Renaissance, so wie bei unserem Grenzübertritt nach Dänemark: Auf Betreiben der rechten „Dänischen Volkspartei“ schickte das Königreich vor eineinhalb Jahren zunächst Polizisten an die Grenze zu Deutschland, mittlerweile werden die von Reservisten der dänischen Armee unterstützt. Wir machen offenbar trotz des „Presse“-Schildes in der Frontscheibe einen unverdächtigen Eindruck und werden durchgewunken, der Slowake vor uns muss dagegen anhalten.

Auch bei der gemeinsamen Währung sind die Dänen nicht mit von der Partie. Unseren Kaffee an einer Autobahnraststätte zwischen Fredericia und Odense können wir zwar in Euro bezahlen, erhalten als Wechselgeld jedoch dänische Kronen zurück. Über die beiden imposanten Belt-Brücken, für die die Betreibergesellschaft eine stattliche Mautgebühr von zusammen rund 70 Euro verlangt, gelangen wir nach Schweden und haben ein Déjà-vu: genau wie beim Landeanflug auf das italienische Catania begrüßt uns vor der Silhouette Malmös ein riesiger Werbepylon mit der Aufschrift „IKEA“ – auch wenn uns das im „Mutterland“ des „Billy-Regals“ weniger verwundert.

Italienische Vergleiche“ stellen wir in unserer skandinavischen Woche gleich mehrfach an: Der Espresso kostete in Palermo 80 Cent, in Stockholm drei Euro, bezahlt wird auch der mit Kreditkarte, das Bargeld ist hier quasi ausgestorben; die neue Frisur kostete samt Rasur in Agrigento zehn Euro, in Vänersborg 15 Euro und die Bartstoppeln bleiben dran. „Schweden ist schon etwas teuerer“, sagt auch Reinhold Schuch. Der 71jährige Deutsche stammt ursprünglich aus Heidelberg, kam aber bereits vor 30 Jahren nach mehrjährigem Aufenthalt in den USA ins Königreich, um an der Stockholmer Universität eine Professur für Physik anzunehmen. Wir treffen ihn zusammen mit seiner schwedischen Frau Eva in einem Außenbezirk der Hauptstadt bei einer „Sommer-Milonga“, rund 30 Menschen sind der Einladung zum open-air-Tango gefolgt, trotz Nieselregen und 19 Grad.

Seine Entscheidung für Schweden hat der Deutsche nie bereut, „ich möchte nicht mehr zurück, Deutschland ist mir viel zu hektisch geworden mit viel zu vielen Menschen auf engstem Raum“. Seinen alten Pass hat er gleichwohl behalten, dank des „Schengen-Abkommens“ ist die Aufenthaltsgenehmigung eine rein formelle Angelegenheit, die alle zwei Jahre einen Stempel der Polizei erfordert. Reinhold sieht noch weitere Vorteile in der EU, so sei Schweden seines Erachtens nach offener geworden, das Warenangebot habe sich verbessert, die Preisunterschiede hätten sich relativiert. Hinzu kämen ganz praktische Vorteile wie etwa der aktuelle Wegfall der sogenannten „Roaming-Gebühren“ beim Telefonieren ins europäische Ausland. Das größte Pfund ist und bleibt für ihn jedoch die Grenzenlosigkeit, wenngleich die mit Blick auf die Flüchtlinge auch ihre Nachteile habe. Er persönlich sehe zwar keine gravierenden Probleme, aber die Stimmung in der Bevölkerung sei mittlerweile angespannt, der Zulauf der faschistischen Partei „Sverigedemokraterna“, der „Schwedendemokraten“, für ihn besorgniserregend.

Und nun fällt dem emeritierten Professor doch noch etwas ein, das ihn nachdenklich stimmt: das „Nord-Süd-Gefälle“. „Mit dem ,Brexit‘ bleibt hier oben nicht mehr viel übrig und zusammen mit Finnland steht Schweden zusehends an der Kante Europas“, sagt Reinhold.

Das deckt sich mit den Befürchtungen von Susanne Björkander: „Wir sind oftmals einfach zu nett.“ Susanne arbeitet als Abteilungsleiterin beim SIS, dem „Swedish Standard Institute“, einem Pendant zur deutschen Industrienorm DIN. Bei ihrer täglichen Zeitungslektüre fällt ihr ebenso wie auf ihren Dienstreisen immer wieder auf, wie vehement einige EU-Mitglieder ihre Forderungen durchsetzen, zum Beispiel Polen. „Wir müssen eine Balance finden zwischen dem, was gut ist für Europa und dem, was gut ist für Schweden – und dazu zählt manchmal eben auch etwas mehr Protektionismus für die eigene Wirtschaft.“ Dabei fürchte sie weniger den Einfluss der „Großen“ wie Deutschland oder Frankreich, sondern vielmehr den der vielen kleineren osteuropäischen Staaten. Als Tochter einer schwedischen Mutter und eines deutschen Juden, der 1942 vor den Nazis nach Schweden geflohen ist, weiß die 64jährige aber nur zu gut, was sie an Europa hat – Frieden. „Viele Menschen haben vergessen, was vor 70 Jahren war und nehmen unser friedliches Europa als viel zu selbstverständlich hin“, sagt sie nachdenklich in ihrem Reihenhaus in Täby, „und wie leicht es ist, so einen Frieden zu zerstören, dass haben die Leute in den 30er Jahren auch nicht geglaubt“.

Susannes Mann Anders hat sich schon vor Jahrzehnten entschieden, aktiv etwas für diesen Frieden zu tun und ist Soldat geworden. Der 61jährige Major erlebt Europa ebenfalls in seinem beruflichen Alltag, hält eine europäische Armee, wie sie derzeit in Brüssel diskutiert wird, jedoch für illusorisch. „Jedes Land hat seine Fähigkeiten, die müssen wir besser kombinieren – das heißt aber nicht, dass wir Schulter an Schulter kämpfen werden“. Schon jetzt gebe es gemeinsame Oberbefehlshaber ebenso wie gemeinsame Einsätze, nur das ein Land die Infanterie, ein anderes die Artillerie stelle. Gemischte Teams machen aus seiner Sicht nur in Ausbildungsmissionen wie derzeit in Mali Sinn. Und Anders gibt noch etwas zu bedenken: Ohne eine enge Verzahnung mit der NATO seien alle europäischen Anstrengungen auf militärischer Ebene zum Scheitern verurteilt, „so viele Truppen haben wir nämlich gar nicht“.

Neben dem „obersten“ Ziel „Frieden“ geht es Susanne in ihrer täglichen Arbeit darum, das Leben für die Menschen in Europa „einfacher zu machen“, indem man gemeinsame Standards schafft. In ihrem Bereich der Informationstechnologie ist deshalb gerade besonders viel zu tun – bargeldloses Bezahlen wie in Schweden ist da nur ein Thema von vielen in den unzähligen Konferenzen quer über den Kontinent. Auf der anderen Seite dürfe die EU-Kommission es mit ihrer Einmischung in den Lebensalltag von rund 745 Millionen Menschen auch nicht übertreiben, „es müssen eben nicht alle Karotten in Europa gleich aussehen, so ein Blödsinn“. Stattdessen sollten sich die EU-Bürokraten lieber um Austauschprogramme verdient machen, „wir müssen uns besser kennenlernen, durch Austausch bei der Arbeit, im Sport, in der Schule oder der Armee“.

Gemeinsam mit Freunden zu feiern, ist sicherlich auch eine gute Idee, weshalb es zusammen mit Susanne und Anders raus geht aufs Land – zum „Midsommar“-Fest. In Nöttesta südlich von Stockholm treffen wir noch die Künstlerin Eva Melin und ihren Mann Ragnar Thörblom, der exzellentes deutsch spricht; immerhin war er vor seiner Pensionierung einer der großen schwedischen Pioniere im Bereich des öffentlichen Personenverkehrs und als solcher auch bei Partnern in Deutschland ein gern gesehener Gast. Heute sind wir in seinem Designer-Holzhaus samt Atelier zu Gast, fahren aber zunächst zusammen auf den Sportplatz des Örtchens.

Von allen Seiten strömen gegen ein Uhr an diesem Freitag Mittag die Menschen mit geschmückten Traktoren und voll besetzten Anhängern, zu Fuß, mit dem Auto oder auch mit der Schubkarre zum Ortsrand. Dort liegt die bereits geschmückte „Midsommer-Stang“ mitten auf dem Platz, um nun aufgerichtet und mit wenigen kräftigen Hammerschlägen im Boden verankert zu werden. Bevor rund um eben diese Stange, die erstaunlich viel Ähnlichkeit mit deutschen „Maibäumen“ hat, getanzt wird, gilt es noch Lose zu kaufen und die Bestellung beim Holzkohlegrill aufzugeben. Wir verbringen den restlichen Nachmittag bei Eva und Ragnar, essen Matjes in allen Variationen und trinken zu einer Vielzahl von Trinkliedern nicht minder viel Schnaps. Einzig Anders bleibt seinem alkoholfreien Bier treu, immerhin gilt an schwedischen Lenkrädern nahezu striktes Alkoholverbot.

Ohne Kopfschmerzen machen wir am Tag darauf von Vaxholm aus noch eine Bootstour in den einzigartigen „Schärengarten“ vor Stockholm, bevor wir gen Westen weiterreisen. Hunderte Kilometer ziehen sich die Autobahnen E 18 und E 20 durch dicht bewaldetes Gebiet, bis wir am legendären Göta-Kanal eine längere Pause machen. Unsere Zwischenstation auf dem Weg nach Hause heißt Vänersborg am südwestlichen Ende des Vänernsees. Hier treffen wir aus purer „Not“ wieder einmal einen Friseur, Mohamed Ali Karri. Das klingt nicht wirklich schwedisch, aber der 26jährige hat einen schwedischen Pass, geboren wurde er allerdings in Winsen an der Luhe südlich von Hamburg und seine Eltern kamen einst als Flüchtlinge aus dem Libanon.

Bis zur siebten Klasse durfte Mohamed Ali damals die „Johann-Peter Eckermann Realschule“ in Winsen besuchen, bevor seine Familie 2003 wieder in den Libanon zurückgeschickt wurde. Doch noch bevor im Juli 2006 erneut Kämpfe zwischen der Hisbollah und Israel ausbrachen, packte die Familie wieder die Koffer und floh zum zweiten Mal, diesmal nach Schweden. Am 1. Mai 2006 kamen sie in Vänersborg an – und blieben bis heute. Mohamed Ali machte hier sein Abitur, beendete seine im Libanon begonnene Friseurlehre und eröffnete vor vier Jahren seinen eigenen „Gentlemen’s Barber Shop“ in der Edsgatan 23. „Ich bin sehr zufrieden“, sagt er stolz, „wir haben die Sprache gelernt, Freunde gefunden und sind gut integriert“. 2011 erhielt er seinen schwedischen Paß und ist demnach ausgewiesener Europäer – und so fühle er sich auch: „Ich bin viel mehr Europäer, denn Araber – in meiner Heimat könnte ich mich nicht wieder so integrieren.“ Gleichwohl zieht er die libanesische Küche der europäischen vor, feuert als schwedischer Staatsbürger noch immer die deutsche Fußballnationalmannschaft an, und überwindet auf diese Weise Grenzen in den unterschiedlichsten Bereichen. Auf die Frage, was Europa für ihn persönlich bedeute, kommt sofort ein Wort: „Sicherheit“.

Unser Hotel für diese Nacht liegt im „Restad-Park“ direkt am Göta Älv auf dem Gelände eines ehemaligen psychiatrischen Krankenhauses. Auf dem mittlerweile privatisierten Gelände befindet sich unter anderem auch eines der größten Flüchtlingscamps Schwedens mit rund 1.700 Asylbewerbern aus aller Herren Länder. Direkt vor der Hotelterrasse erstreckt sich eine Grünanlage mit Sport- und Spielplätzen, auf denen am Abend viele Kinder mit richtig dunkler Hautfarbe spielen, auf den Parkbänken sitzen zahlreiche Frauen mit Schleiern. Am Ende unserer dritten Etappe auf der Suche nach dem „pulse of europe“ fragen wir uns mit Blick auf diese Menschen, die auf ihrer Flucht vor Krieg, Hunger und Hoffnungslosigkeit fast alles verloren haben, und die unter Einsatz ihres Lebens nach Europa geflohen sind, was sie wohl über diesen Kontinent denken? „Sicherheit“, hat Mohamed Ali am Nachmittag spontan als Motiv genannt – doch wie sicher ist diese „Sicherheit“ noch, fragten sich erst vor wenigen Tagen Susanne und Anders. Dabei ging es nicht um die Angst vor der vielzitierten „Überfremdung“, sondern vielmehr um die Angst vor der „Entfremdung“ der Europäer untereinander …

Nach Süd-, West- und Nordeuropa fehlt uns noch der Osten. Wie zu Beginn nehmen wir erneut den Flieger und starten vom „Helmut-Schmidt-Airport“ in Fuhlsbüttel mit Zielort Warna in Bulgarien – diesmal allerdings mit einem echten „Touristenbomber“. Reisen verbindet den Kontinent vermutlich mehr, als alles andere. Die Frage ist gleichwohl, wie wir reisen. Galt zum Beispiel Italien in den 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts noch als Abenteuer, bei dem etwa Deutsche unbekannte italienische Lebensart kennenlernen durften, reisen gerade die jungen Leute heute mit Billigfliegern wie unserem an den „Ballermann“: Sonne, Strand und Meer, aber vor allem Alkohol und Sex als Erholungsmaxime. An einem Verkaufsstand am „Goldstrand“ gibt es tatsächlich T-Shirts zu kaufen mit dem Aufdruck: „They say I was in ‚Golden Sands‘ – but I can’t remember“. Urlaub im Rausch. Der Ausflug zum UNESCO-Weltkulturerbe Nessebar steht bei den Reiseveranstaltern zwar im Programm, wird aber nicht ernsthaft angeboten.

Seit genau zehn Jahren ist Bulgarien Mitglied der „Europäischen Union“ und in bislang keinem anderen Land unserer Europa-Tour wurde der Stolz darüber so deutlich wie hier: die Europa-Flagge hängt nahezu überall – in der Flughafenhalle vor der Passabfertigung, im Transferbus, vor jedem Hotel. Doch damit nicht genug – Europa ist hier kein Teil der Touristenbespaßung. Die Fußgängerzone von Warna wurde für rund 13 Millionen Lewa (etwa 7,5 Millionen Euro) runderneuert, zehn Millionen Lewa kamen von der EU. Die Dankbarkeit ist auf einem halben Dutzend großer Schilder ablesbar, die entlang des neuen Prachtweges aufgestellt wurden. Ein Teil der Stadtbusse wurde von stinkenden Dieselmotoren auf Stromversorgung per Oberleitung umgestellt – steht groß an jedem Bus. Westlich des „Goldstrandes“ entstand in dichtem Mischwald ein Naturerlebnispfad, der auch für Rollstuhlfahrer zugänglich ist – der entsprechende Hinweis auf die EU-Förderung ist nicht zu übersehen. Weiter im Hinterland finanzierte Brüssel einen Schulumbau, das Schild zeugt davon schon seit Jahren. Und selbst, wo nicht direkt Geld floß, wird blau mit goldenen Sternen geflaggt: etwa vor einem Dorfsportplatz mit zwei Holztoren, der dringend eines Rasenschnittes bedürfte.

Kiril Kanev ist 68 Jahre alt und Taxifahrer – notgedrungen, mit seiner Rente von 150 Euro im Monat kommt er sonst nicht weit. Für 25 Euro bringt er uns vom „Goldstrand“ nach Warna und übernimmt gleich die Rolle des Reiseführers: der „Sea-Park“ in der mit 350.000 Einwohnern drittgrößten Stadt Bulgariens sei sehr sehenswert, empfiehlt er uns, und sollten wir noch Geld tauschen wollen, sollten wir das bloß nicht bei den „Zigeunern“ auf der Straße erledigen, „die geben Euch nur Falschgeld“. Als wir mit seinem orangefarbenen Dacia-Kombi am Rathaus vorbeifahren, schimpft Kiril über die 32 Prozent Steuern, die er zahlen müsse: „Was machen die mit dem ganzen Geld? Die sind doch alle korrupt!“ Das sieht das „Europäische Amt für Betrugsbekämpfung (OLAF)“ genauso.

Seit 25 Jahren kutschiert Kiril Touristen vom „Goldstrand“ nach Warna und anders herum, er spricht fließend russisch, deutsch und englisch, dazu etwas tschechisch und ungarisch. Seine Hauptklientel hat er damit abgedeckt: 50 Prozent Russen, 30 Prozent Deutsche, die verbleibenden 20 Prozent an Europäern führen die Skandinavier an. Wie dort ist auch in Bulgarien Tagfahrlicht vorgeschrieben und sind Sommerhäuser außerhalb der Stadt Gang und Gäbe. Entlang der Küste sprießen denn auch Appartementanlagen wie Pilze aus dem Boden – „for rent or for sale“ steht überall auf großen Werbebannern. 40.000 Euro aufwärts kostet eine solche Immobilie, die vor allem von den Russen aufgekauft werden, berichtet Kiril weiter.

Die EU hält der redsame Taxifahrer für eine gute Sache, „die geben uns viel Geld für neue Straßen, für Krankenhäuser, Universitäten“, sagt Kiril, „und die jungen Leute können endlich reisen. Wir haben sechs Universitäten in Warna, dass heißt, erst studierst du hier und dann kannst du überall in Europa arbeiten.“ Auch seine beiden Söhne seien jedes Jahr für drei Monate in England „und bringen gutes Geld mit“.

Das ist hier auch bitter nötig. Als wir mit einem Leihwagen ins Hinterland fahren, sind Pferdegespanne keine Seltenheit. Auf den alten Überlandbussen klebt noch deutsche Werbung und die „IFA“-LKW stammen noch aus DDR-Produktion. Bulgarien ist arm. Das Bruttoinlandsprodukt und die Armutsquote liegen auf europäischem Rekordniveau, das eine extrem niedrig, die andere extrem hoch. Die Industrialisierung ist zwar seit dem Zusammenbruch des „Ostblocks“ spürbar gestiegen, aber noch immer ist Bulgarien ein Agrarland. Auf unserer Fahrt passieren wir unendlich viele Sonnenblumenfelder, abgeerntete Getreideäcker, sehen vereinzelt Apfelplantagen und Weinstöcke. Und noch zwei Dinge fallen uns ins Auge: Bulgarien ist im Vergleich zum Mittelmeerraum erstaunlich grün und die Felder sind, ganz anders als zum Beispiel auf Sizilien, riesig – zweifelsohne eine Folge der einstigen Kolchosen und Sowchosen.

Eine entscheidende Einnahmequelle ist der Tourismus entlang der Schwarzmeerküste, insbesondere am sogenannten „Sonnen“- und am „Goldstrand“. Auch Aleksandra Koleva verdient mit den Touristen ihr Geld, als Rezeptionistin im „Bonita Beach Hotel“ am „Goldstrand“ nördlich von Warna. Die 23jährige hat gerade ihr Studium im Bereich „international economic relations“ abgeschlossen und hofft nun auf einen Arbeitsplatz bei einem internationalen Konzern. Für sie ist Europa ein großes Land, „das in viele kleine Stücke aufgeteilt ist, die alle einzigartig sind“. „Und wenn alle zusammen arbeiten, dann schaffen wir ein besseres Europa für uns alle.“ Seit dem Beitritt Bulgariens zur EU habe sich die Lage „spürbar verbessert“, sagt Aleksandra, „die ganze Infrastruktur, die Jobs, die Bezahlung“.

Woanders arbeiten zu können, ist für die junge Frau uninteressant, „ich möchte bei meiner Familie bleiben, bei meinen Freunden – im Ausland bist du immer Ausländer“. Aber sie wisse von vielen Kommilitonen, die es durchaus nach Westeuropa zöge. „Viele wollen hier weg, wegen des Geldes. Manchmal denke ich, es ist gar nicht gut, dass das jetzt so einfach geworden ist.“ Beim sechsten „Warna Tango Marathon“ sind diese trüben Gedanken jedoch schnell „weg-getanzt“: ein ganzes Wochenende lang legen hier internationale DJs auf, am Strand, im Park, im Ballsaal; die Tänzer kommen in erster Linie aus Bulgarien, aber auch mit direktem Transfer aus Bukarest (Rumänien) und Istanbul (Türkei) – sowie vereinzelt aus dem „Rest“ Europas. Dieses Mal ist sogar eine Tänzerin aus Hamburg dabei … Auf den ganz großen Durchbruch des Tangos in Bulgarien warten die Organisatoren jedoch noch, denn der einheimische Tanz ist hier noch viel präsenter, als andernorts in Europa.

Selbst auf der „Partymeile“ des „Goldstrandes“ gibt es allabendlich traditionelle Tänze zu sehen auf der Freilichtbühne neben dem „Bierkönig“ und damit unweit von „Partystadl“ und „Ballermann 6“. So, wie die Deutschen schon einen Strandabschnitt von Palma auf Spaniens Sonneninsel Mallorca mit Sangria-Eimern besetzt haben, ereilt die Bulgaren nun dasselbe Schicksal. Barkeeper Julian fürchtet denn genau wie Konstantin von der Autovermietung ein Stück weit den „Ausverkauf“ der eigenen Identität – und zwar nicht nur auf den drei Kilometern „Goldstrand“. „Natürlich brauchen wir Europa und den europäischen Markt für unsere Wirtschaft – aber zu welchem Preis?“ Einst, so sagt es die Legende, stürzten sich 40 Jungfrauen vom „Kap Kaliakra“ nördlich des „Goldstrandes“ in die Fluten, aus Angst vor den herannahenden osmanischen Besatzern. Bei einigen unserer Gesprächspartner bekamen wir das Gefühl, die heutige Angst gilt nicht den Waffen der Nachbarn, sondern ihrem Geld.

Mit einem sensationellen Mondaufgang über dem Schwarzen Meer bei noch immer schweißtreibenden 29 Grad endet unsere rund 10.000 Kilometer lange Reise auf der Suche nach dem „Pulsschlag Europas“ – und führt uns doch wieder an den Anfang: Als wir nach Hause zurückkehren, erfahren wir, dass Concetta und Nicolò gerade ihre Sachen packen, für das frischverheiratete Paar aus Sizilien ist das „Abenteuer Deutschland“ beendet. Concetta hat doch noch eine Anstellung als Krankenschwester in Palermo gefunden und ihr Ehemann wird sie, hörbar zähneknirschend, begleiten. Nicolò hätte noch ein Jahr in Deutschland die Schulbank drücken müssen, um endlich als MTRA arbeiten zu dürfen, doch der Ruf von Familie und Heimat war lauter als er. Seine berufliche Zukunft ist damit wieder völlig ungewiß, „in meinem eigentlichen Job werde ich jedenfalls nicht mehr arbeiten können“.

Es sei denn, die von den Menschen Europas gewählten Politiker verstehen, dass allein eine boomende deutsche Volkswirtschaft, die geradezu magnetische Wirkung vor allem an den Rändern des Kontinents, insbesondere an den südlichen und östlichen, ausübt, mehr zum Fluch denn zum Segen für Europa werden kann. Wie im globalen gilt es auch innerhalb Europas dafür Sorge zu tragen, dass nicht ganze Landstriche oder gar Länder wirtschaftlich abgehängt oder sogar ausgebeutet werden. Die vermeintlichen Gewinner zahlen über kurz oder lang die Zeche in Form von Armutsflüchtlingen – auch innerhalb der EU. Wenn die entscheidende Aufgabe Europas, die fast alle unsere Gesprächspartner in den vergangenen Monaten genannt haben, nämlich den Frieden zu bewahren, auch künftig gelingen soll, dann braucht es ein faires miteinander und vergleichbare Lebensbedingungen in allen Regionen des Kontinents. Ohne wirtschaftlichen Frieden, ist auch der andere in Gefahr – denn wenn der „Pulsschlag Europas“ aussetzt, bricht der „Vulkan“ aus und der „Tanz“ ist zu Ende.

Text: Lars Bessel / Zeichnungen: Marion von Oppeln