Nach Krieg und Ebola rüstet sich Sierra Leone für Touristen

Freetown (lb). Beim Landeanflug auf den internationalen Flughafen von Sierra Leone sieht man schon das große Flussdelta der Tagrin Bay, das den Airport im Norden der Bucht von der Hauptstadt Freetown im Süden trennt. Je nach Fluggesellschaft erreicht man den westafrikanischen Zwergstaat gerade noch kurz vor Sonnenuntergang oder aber erst nach Einbruch der Dunkelheit. Auf dem Rollfeld ist nur für ein Flugzeug Platz, weshalb die Airlines die Landezeiten zwischen 17 Uhr und Mitternacht unter sich aufgeteilt haben.

Beim Verlassen des Fliegers schlägt einem feucht warme Luft entgegen. Die Durchschnittstemperatur beträgt gut 30 Grad hier knapp oberhalb des Äquators, die Luftfeuchtigkeit liegt bei nahezu 100 Prozent. Vor dem Flughafen warten jede Menge fliegende Händler auf die Neuankömmlinge, sie verkaufen gekühlte Getränke, Telefonkarten und Zigaretten, wechseln Euro- oder Dollar-Noten in Leone zum Wechselkurs von 1:10.000. Nur fünf Minuten mit einem der kleinen Shuttle-Busse entfernt, liegt der „Sea Coach“ am hölzernen Pier, eine weiße Barkasse, die die Passagiere in 30 Minuten über den dunklen Atlantik nach Aberdeen bringt, einem Stadtteil von Freetown. Von hier geht es mit einem Taxi zum Hotel.

Freetown hat etwa eine Million Einwohner, Tendenz steigend. Insgesamt leben knapp acht Millionen Menschen in diesem „einzigen runden Land der Erde“, wie die Saloner gern scherzhaft sagen, das der Größe Bayerns entspricht. Sierra Leone grenzt im Norden an Guinea und teilt sich im Süden den letzten Regenwald Westafrikas mit Liberia. Das Land gehört zu den acht ärmsten der Welt und errang traurige Bekanntheit durch einen äußerst brutalen Bürgerkrieg während der kompletten 1990er Jahre. Zuletzt erfuhr Sierra Leone einen herben Rückschlag durch die Ebola-Epidemie 2014/15. Nach einem friedlichen Regierungswechsel rüsten sich die Saloner nun für die Rückkehr der internationalen Touristen.

Bis in die 1980er Jahre galt Sierra Leone als die Perle Westafrikas, kaum ein Mensch flog damals etwa in den Senegal oder besuchte The Gambia. Der Krieg stellte alles auf den Kopf. Doch die Besucherzahlen steigen wieder im dreistelligen Prozentbereich, wenngleich auf niedrigem Niveau. Dabei hat Sierra Leone viel zu bieten: traumhafte Strände, reißende Flüsse, traditionelle Buschdörfer. Das wichtigste jedoch ist die Gastfreundschaft der Saloner und die damit verbundene Sicherheit, Kriminalität gibt es quasi nicht. Die Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes zum Beispiel für London sind um ein vielfaches länger als die für Freetown.

Wer die Hauptstadt erkunden möchte, mietet am besten ein „Keke“. Jene motorisierten Dreiräder, die in Asien „Tuk Tuk“ genannt werden. Die Verständigung ist einfach, die meisten Einheimischen sprechen englisch, da Sierra Leone bis 1961 britische Kolonie war und die Amtssprache geblieben ist. Verbreitet ist außerdem Krio, die Sprache der einstigen Sklaven, die nach ihrer Freilassung im 18. Jahrhundert hier an der Westküste Afrikas zurück gesiedelt worden waren. Der große Cotton Tree mitten in der Hauptstadt zeugt noch von dieser Zeit, man sagt, der Baum sei über 200 Jahre alt. Direkt gegenüber befindet sich ein wunderschönes Gebäude aus Kolonialzeiten, das heutige Gerichtsgebäude. Und nur wenige Schritte weiter liegt der „Great Market“, ein altes Lagerhaus, in dem heute allerlei Kunsthandwerk angeboten wird.

Drumherum stehen unzählige Holzbuden, die für europäische Augen einen nahezu schäbigen Eindruck machen. Wer sich jedoch die Zeit nimmt, genauer hinzuschauen, wird schnell die Modeboutique erkennen, den HiFi-Händler, Bäcker oder Buchladen. Die Fahrt mit dem „Keke“ ermöglicht dem Besucher Sierra Leones Hauptstadt hautnah zu erleben, ohne dem chaotischen Straßenverkehr zu Fuß trotzen zu müssen, oder sich auf eines der überall wartenden Motorrad-Taxen zu setzen. Wer genug vom lauten Getümmel der Innenstadt hat, fährt beispielsweise durch die Pademba Road, in der sich nicht nur das Gefängnis befindet, sondern vor allem einige noch gut erhaltene Holzhäuser der Krios, jahrhundertealt. Eine Tour auf einen der sieben Hügel der Stadt eröffnet einen wunderbaren Blick über die ständig wachsende Metropole und den blauen Atlantik im Westen.

Durch den Stadtteil Aberdeen, in dem sich auch der Fähranleger des Airport-Shuttle-Bootes befindet, geht es an den Strand. Hier reihen sich Fisch-Restaurants und Bars aneinander, es gibt Pizzerias, indische und asiatische Küche sowie Tanzlokale. Die richtigen Traumstrände liegen jedoch weiter südlich: Der erste heißt Lakka Beach, eine weitere knappe halbe Stunde Fahrt mit dem Taxi, die gerade einmal 1,50 Euro kostet. In Lakka hat auch der Deutsche Peter Vieregg-Emden sein kleines Paradies, das „Palm Beach Resort“. Vier Zimmer bietet der sympathische Glatzkopf an zum Preis von 70 Euro pro Nacht – inklusive Frühstück mit Croissants und deutschem Kaffee. Das Hotel betreibt Vieregg-Emden nebenbei, hauptberuflich bohrt er Industriebrunnen im Auftrag der Regierung. Wer keinen Wert darauf legt, von sanften Atlantikwellen geweckt zu werden, bekommt zum gleichen Preis auch ein Zimmer in der Stadt, etwa in der „Jam Lodge“ am Congo Cross. Und wer es luxuriös mag, reserviert im „Radisson Blue“ am Lumley Beach in Aberdeen ab 130 Euro die Nacht. Alle Quartiere verfügen über fließend Wasser und Elektrizität inklusive Aircondition.

Das ist im Rest des Landes vollkommen anders. Jenseits der grünen Berge auf der Peninsula geht es ab Waterloo Junction richtig Osten auf anfangs noch akzeptablen Straßen in für die meisten Weißen vollkommen unbekanntes Terrain. Wer Geld hat und möglichst bequem reisen möchte, bucht sich sein eigenes Taxi zu einem vorab verhandelten Festpreis. Durchaus erträglich sind auch die „Government Busses“, die Überlandbusse, die die größten Städte Sierra Leones, Bo, Kenema, Makeni und Kono, fahrplanmäßig miteinander verbinden. Wer das Land auf die Art erkunden möchte, wie es die Einheimischen tun, fährt allerdings „Poda Poda“. Hinter der Bezeichnung verbergen sich mindestens 20 Jahre alte Mini-Vans aus Übersee, auf deren regulär sieben Sitzen mindestens doppelt so viele Menschen sowie einige Hühner untergebracht werden. Als Gepäck sollte man in diesem Fall einen Rucksack wählen, da alles im überfüllten Kofferraum oder auf dem Dach der Fahrzeuges verstaut wird. Platzangst ist definitiv ein Ausschlusskriterium, auch wenn Weißen meist etwas mehr Platz eingeräumt wird als den eigenen Landsleuten.

Ein lohnendes Ziel im Binnenland ist zweifelsohne Tiwai Island, eine kleine Insel mitten im reißenden Moa River. Acht Stunden Fahrt sind es von Freetown, die letzten eineinhalb über „dirt roads“, rote Buckelpisten. Nach einer Bootstour über den Fluss erwartet die Besucher ein sehr einfaches Base Camp: übernachtet wird in Zelten, gekocht von Dorfbewohnern über offenem Feuer. Es gibt Cassava Leavs mit Hühnchen oder Groundnut Soup mit Pökelfisch. Während der morgendlichen Wanderung durch den Regenwald oder auch beim Mittagessen gibt es dann scharenweise Affen zu sehen – von 15 Arten in Sierra Leone leben allein auf dieser zwölf Quadratkilometer kleinen Insel elf Affenarten. Je nach Jahreszeit kann man am Ufer des Moa auch die vom Aussterben bedrohten Zwergnilpferde beobachten. Wer noch mehr Zeit im Regenwald verbringen möchte, besucht anschließend auch den Gola Rainforest, der als sogenannter „Friedenswald“ die Grenze nach Liberia überschreitet, von wo aus einst die Rebellen kamen, um für „Blutdiamanten“ zu töten.

Zurück am Atlantik bietet sich vom postkartengleichen Tokeh Beach aus noch ein Ausflug nach Banana Island an. Dort wurden vor hunderten von Jahren die Sklaven nach Amerika verschifft. Noch heute zeugen einige Kanonen von der unrühmlichen Geschichte der vorgelagerten Insel, die man in zwei Stunden mit einem der hölzernen Fischerboote erreichen kann.

Die einstige und vielleicht auch künftige „Perle Westafrikas“ erreicht man bequem mit dem Flugzeug über Brüssel, Paris oder Istanbul innerhalb von sechs Stunden für rund 700 Euro Hin- und Rückflug. Eine Gelbfieberimpfung ist Pflicht, ebenso ein Visum. Eine Chemoprophylaxe gegen Malaria in Tablettenform ist ratsam. Die beste Reisezeit ist außerhalb der Regenzeit, die hier zwischen Juli und Oktober zum Teil extrem ausfällt. Besonders beliebt (und entsprechend teurer) ist die Weihnachtszeit und der Jahresanfang, in dem der Harmattan-Wind aus dem Norden etwas kühlere Temperaturen bringt. Weitere Informationen gibt es im Internet zum Beispiel unter www.visitsierraleone.org.

von Lars Bessel