Omas Nähmaschine für Afrika

Ich habe selten so viel Zuspruch für ein Projekt bekommen, wie für dieses! Mindestens 100 von Omas (ur-) alten Tret-Nähmaschinen wollten wir sammeln, um diese nach Sierra Leone / Westafrika zu verschiffen. Und was soll ich sagen: Innerhalb von nicht einmal zwei Monaten hatten wir sie beisammen und dazu noch mehr als 7.500 Euro für den Transport! Aber warum ist das so?

Ich vermute zwei Gründe für die große Spendenbereitschaft und das nicht enden wollende Lob für diese Idee: Zum einen entspricht diese Sammlung unserer alten Vorstellung von Entwicklungshilfe. Wir sammeln in Deutschland alte Dinge ein, die hier niemand mehr benötigt, und schaffen sie nach Afrika. Das tut bei der ausrangierten Nähmaschine nicht weh und verschafft einem das Gefühl, etwas gutes getan zu haben. Um das ganz deutlich zu formulieren: daran ist nichts falsches, wenn die „alten Dinge“ denn in Afrika Sinn ergeben. Und das tun sie, dazu später mehr. Der zweite Grund für den großen Zuspruch liegt m.E. im Gegenstand der Sammlung, in „Omas Nähmaschine“. An den Stücken hängen ganz persönliche Familienerinnerungen und die Maschine selbst ist meist noch so schön, dass man sie nicht im Sperrmüll entsorgen mochte. Und jetzt bekommt sie ein zweites Leben in Westafrika. Wunderbar!

Nun machen wir also genau das, was wir nie tun wollten: wir packen einen Seecontainer und verschiffen Hilfsgüter auf den Nachbarkontinent. Der für mich entscheidende Punkt ist der bereits angesprochene: die „Hilfsgüter“ müssen vor Ort einen Sinn ergeben! Alles, was man vor Ort kaufen kann, sollte man auch dort kaufen. Wozu verschiffe ich ausgediente Schulbänke nach Afrika, wenn man sie vor Ort bauen lassen kann? Um den Schreiner arbeitslos zu machen? Über Altkleider und tiefgefrorene Hähnchenteile will ich mich an dieser Stelle gar nicht erst auslassen. Aber Nähmaschinen gibt es auch in Sierra Leone zu kaufen. Neue, aus China. Doch die taugen leider nichts, denn ausprobiert haben wir das. Nach eineinhalb Jahren waren die ersten drei von zehn bereits kaputt. Das wird mit Omas Nähmaschine nicht passieren, die läuft auch noch einmal 100 Jahre!

Die Arbeit, die hinter diesem Projekt steht, habe ich tatsächlich unterschätzt. Es begann bereits mit der Suche nach einer passenden Lagerhalle, dann das wochenlange Einsammlen der Maschinen (immer sechs Stück pro Tour mit dem Anhänger), nun die Durchsicht und das Aufarbeiten (wir schicken schließlich keinen Schrott auf die Reise) und schlussendlich das Einpacken des Containers hier und das Auspacken in Sierra Leone. Vor allem letzteres wird noch ein Abenteuer für sich werden …

Warum meine Frau Marion und ich das alles machen, ist eine berechtigte Frage! Sicherlich, weil auch wir dadurch das gute Gefühl haben, etwas sinnvolles zu tun. Und weil es in Westafrika so einfach ist, mit wenig viel zu bewegen. Weil uns die Menschen dort über die Jahre ans Herz gewachsen sind und auch, weil es schlicht Spaß macht. Ehrenamtlich im engsten Wortsinn machen wir das übrigens nicht. Auch dieses Projekt fällt in die Kategorie „social business“. Am Ende werden wir die Maschinen vor Ort für einen kleinen Obolus verkaufen. Einerseits, um unseren großen Zeitaufwand in Ansätzen entschädigt zu bekommen, vor allem aber andererseits, weil etwas, das keinen Preis hat, nichts wert ist. Würden wir dem Erstbesten eine Nähmaschine in die Hand drücken, er würde sie an der nächsten Straßenecke zu Geld machen. Nachhaltigkeit sieht für uns aber anders aus. Und deshalb werden wir die gesammelten Schätze an jene Frauen und Männer verkaufen, die sich damit eine Existenz aufbauen wollen. Dafür erhalten sie eine perfekte Nähmaschine, die die Hälfte der chinesischen Massenware kostet und 100 Mal länger hält.

Ohne die gespendeten Nähmaschinen und das gespendete Geld für den Transport wäre dieses Geschäft nicht möglich. Hätten wir die Maschinen hier kaufen und den Transport selber finanzieren müssen, die Maschinen hätten einen unbezahlbaren Preis im siebtärmsten Land der Erde. Und ein letztes darf nicht unerwähnt bleiben: Oma freut sich zweifelsohne auf „Wolke 7“ wie ein kleines Mädchen, dass ihre alte Nähmaschine erneut einer jungen Frau eine Zukunft beschert!

Mehr über das ganze Projekt und den jeweils aktuellen Stand gibt es hier:

www.startnext.com/naehen-ist-wie-zaubern-koennen

www.facebook.com/omas.naehmaschine.fuer.afrika

www.instagram.com/omas.naehmaschine.fuer.afrika

Über Lars Bessel

Lars Bessel, geb. 1970, freiberuflicher Journalist, Nortorf/SH (Germany)