„Hört auf zu spenden, kauft leere Zementsäcke!“

Wie ein kleines deutsches Start-up im westafrikanischen Busch große Probleme lösen will

Kamakwie / Sierra Leone (lb). „Ich will nicht, dass die Menschen in Deutschland unsere Produkte aus Mitleid kaufen, weil ihr so arme schwarze Mädchen seid“, sagt Marion von Oppeln laut und deutlich in der kleinen Nähstube der Berufsschule von Kamakwie, „ich will, dass die Leute die Taschen kaufen, weil ihr tolle Arbeit macht!“ Die 50jährige Designerin aus Schleswig-Holstein ist sauer und hält einen von ihr entworfenen „Lionbag“ in die Höhe: „Den kann ich so nicht verkaufen, das ist kein Knopfloch, das ist eine Katastrophe!“ Bei über 40 Grad im Klassenraum läuft ihr der Schweiß von der Stirn. Hier geht es unüberhörbar um Arbeit, statt um Almosen.

Kamakwie ist eine kleine Distrikt-Hauptstadt mit etwa 8.000 Einwohnern im Norden von Sierra Leone, einem der ärmsten Länder der Welt. Vor fünf Jahren kam von Oppeln das erste Mal mit ihrem Ehemann, dem Autor und Filmemacher Lars Bessel, in den westafrikanischen Busch – und seitdem immer wieder. Daran konnte selbst die Corona-Pandemie nichts ändern; gerade erst sind die beiden von ihrer neuerlichen Reise zurückgekehrt. „Wir lassen unsere Partner nicht im Stich“, so Bessel, „erst recht nicht in einer solchen Krise.“ Die Rede ist von Geschäftspartnern, ehemaligen Berufsschülerinnen, die als Auftragsarbeit Tragetaschen aus gebrauchten Zementsäcken sowie Schürzen und Rücksäcke für den deutschen Markt produzieren.

Doch bis zum „Start-up“ der beiden Kreativen war es ein langer Weg, gepflastert mit vielerlei Erkenntnisgewinn. 2017 reiste das Ehepaar für ein eigenes Buchprojekt („No food for a lazy man“) erstmals durch Sierra Leone und traf dabei eher zufällig auf Saidu Sesay, den Leiter der Berufsschule von Kamakwie. Als der ihnen über seine vielen Schulabbrecher berichtete, deren Eltern sich das Schulgeld von 15 Euro pro Jahr nicht leisten könnten, gründete das Ehepaar in der Heimat kurzerhand einen Förderverein namens „Mahmoo e.V.“, um Stipendien zu finanzieren. „Das ist kurzfristig nicht falsch, langfristig schon“, ist sich Bessel inzwischen sicher. Die klassische Entwicklungshilfe setze seit Jahrzehnten auf Spenden ohne Gegenleistung, verschärfe damit die Abhängigkeit der Armen von den Reichen und sei letztlich nichts anderes als „humanitärer Kolonialismus“. Seine provokative Schlussfolgerung lautet deshalb: „Hört auf zu spenden, kauft leere Zementsäcke!“

Am Ende des Bürgerkrieges begann in Sierra Leone im Jahr 2002 die bis dato größte humanitäre Hilfsmission der Vereinten Nationen und noch immer sind die Dörfer gespickt mit Hinweisschildern der Hilfsorganisationen, von US Aid bis Irish Aid, UNDP, WFP, Street Child, Welthungerhilfe usw. „Wir haben die Menschen hier nachhaltig zu Bittstellern erzogen; wer heute ein Problem hat, sucht sich einen Weißen, der es löst“, stellt Marion von Oppeln kritisch fest. Das sei an der von ihr unterstützten Berufsschule nicht anders: „Als wir mit Saidu vor drei Jahren über eine Schulspeisung sprachen, hätte der am liebsten 10.000 US-Dollar von uns gehabt, pro Jahr!“ Die Antwort sei ein „herzhaftes Lachen“ gewesen, erinnert sich von Oppeln. Inzwischen gibt es Essen an den „Praxis-Tagen“: Auf einem Schulfeld werden Maniokwurzeln angepflanzt, aus denen später ein nahrhafter Brei hergestellt wird. Der deutsche Verein bezahlte die dafür notwendige Reibe für 500 Euro, einmalig.

Diese positive Erfahrung und eine ernüchternde Erkenntnis brachte das engagierte Ehepaar schließlich zum Umdenken. „Wir wollten vom Schulleiter wissen, was seine vielen ehemaligen Schülerinnen und Schüler eigentlich mit ihrer Ausbildung anfangen“, sagt Marion von Oppeln. Immerhin gibt es in Kamakwie weit und breit keine größeren Firmen, geschweige denn Fabriken.

Die Antwort lautete: die Jungs fahren nach ihrem Abschluss meist Motorrad-Taxi, die Mädchen prostituieren sich. „Das Mantra der Entwicklungshilfe aus den vergangenen Jahrzehnten stimmt nicht“, ist sich Bessel sicher, „Bildung ist eben nicht alles, Bildung muss am Ende des Tages satt machen.“ Arbeit statt Almosen, lautet seitdem das Credo der beiden, die nicht länger von „Hilfe“ sprechen, sondern von „Zusammenarbeit“.

An der Wand der bereits erwähnten Nähstube in der Berufsschule hängen kleine Kleidchen, aus Zementsäcken genäht. Für die Anfängerinnen wäre Stoff zum Lernen viel zu teuer. Und diese Kleidchen brachten Marion von Oppeln auf die Idee, die sie fortan „Lionbags“ nannte. „Aus gebrauchten Zementsäcken lassen wir jetzt in Kombination mit farbenfrohen afrikanischen Stoffen schicke wie praktische Tragetaschen produzieren, die wir in Deutschland verkaufen.“ Abgewickelt wird das Geschäft über den Verlag ihres Ehemannes, der eines ganz deutlich macht: „Wir verdienen auch daran.“ Entwicklungszusammenarbeit funktioniert seiner Ansicht nach eben nur, wenn beide Seiten verdienen, „und zwar fair verteilt.“

Ein Viertel der Einnahmen geht direkt nach Sierra Leone, heißt es auf der Internetseite www.lionbag.de, das bedeutet das Vierfache des örtlichen Durchschnittseinkommens für die Näherinnen. (Mehr als 50% werden demnach für Transport, Steuern, Zoll und andere Gebühren aufgewendet.) „Natürlich ist das bislang noch ein ganz kleines Projekt“, gibt von Oppeln zu, „aber ein richtungsweisendes.“ Demnächst werden die jungen Afrikanerinnen vor Ort ein eigenes Gebäude anmieten, um zu expandieren – die erste „richtige“ Firma in Kamakwie. Und wenn die „läuft“, braucht es langfristig keine Spenden mehr für die Berufsschule, ist sich Bessel sicher: „Dann verdienen die Eltern in nicht allzu ferner Zukunft genug Geld, um die Schulgebühren ihrer Kinder selber zahlen zu können!“

„Lionbags“ ist ein „social business“, und die Erfinder legen Wert auf beide Worte. Aber das reicht den Zweien nicht: Durch die Verwendung der leeren Zementsäcke verschwinde Plastikmüll von den Baustellen, der ansonsten verbrannt oder im Meer landen würde, und die gute Bezahlung stärke nicht nur die Rolle der jungen Frauen, sondern verhindere am Ende sogar Fluchtursachen. Die Idee hat selbst die deutsche Botschaft in Sierra Leones Hauptstadt Freetown überzeugt, weshalb Botschafter Horst Gruner zum vergangenen „Tag der deutschen Einheit“ kurzerhand 400 Lionbags zum Verschenken orderte. Auch der deutsche Baustoffriese „Heidelberg Cement“ ist inzwischen auf das Projekt aufmerksam geworden, gehört das westafrikanische „Leocem“-Werk, aus dem die wiederverwerteten Zementsäcke stammen, doch zum deutschen Mutterkonzern.

Zurück in der heißen Nähstube der Berufsschule von Kamakwie. Das „Knopfloch-Problem“ ist gelöst: Da die alten pedalbetriebenen Nähmaschinen keine Zick-Zack-Stiche können, wurde eine gebrauchte elektrische gekauft und mangels Stromversorgung kurzerhand auf Pedalbetrieb umgebaut. Über 700 neue „Lionbags“ wird Marion von Oppeln mit nach Deutschland nehmen, alle bereits verkauft. Auf die bange Frage der stolzen jungen Frauen, wie es jetzt weitergehe, antwortet die Deutsche lächelnd, „Zementsäcke waschen und ‚Lionbags‘ nähen“. Ehemann Lars Bessel beantwortet unterdessen, am Rande des Schulhofes sitzend, etliche neue Kundenanfragen aus dem Online-Shop an seinem Laptop. Auch ihm läuft nun der Schweiß von der Stirn …

Über Lars Bessel

Lars Bessel, geb. 1970, freiberuflicher Journalist, Nortorf/SH (Germany)